Ein Tag in Klasse 9

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Ein Tag in Klasse 9


Die Schüler der Klassen 9/10 werden in einem eigenen Gebäude in fußläufiger Nähe des Stammgebäudes beschult. Das Gebäude wurde im Hinblick auf den Schwerpunkt Übergang Schule/Beruf entwickelt und ausgestattet. Mit dem Wechsel in die Klasse 9 wird nicht nur das Gebäude gewechselt, es gibt auch Veränderungen bezüglich der Regeln, Freiheiten und Anforderungen. Diese werden zum Teil gemeinsam mit den aktuellen Schülern erarbeitet, als Schulordnung formuliert, ausgehängt und überprüft. Die derzeitige Klasse 9/10 besteht aus 19 Schülern und 5 Schülerinnen. Die Gruppe weist bezüglich des Leistungsstandes, der Schulbesuchsjahre und der Klassenstufe eine deutliche Heterogenität auf.

Bis auf einzelne begründete Ausnahmen kommen die Schüler morgens selbstständig mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Schule. Die Schule ist bereits ab 7:45 Uhr für die Schüler geöffnet und Lehrer stehen als Ansprechpartner zur Verfügung. Oftmals nutzen die Schüler die Zeit, um mit Mitschülern ‚zu chillen‘ und sich auszutauschen. Häufig nehmen die Schüler aber auch Kontakt zu den Lehrern auf, um im Vier-Augen-Gespräch aktuelle Ereignisse, Probleme und Befindlichkeiten zu besprechen oder um sich einfach mal eine Extraportion Aufmerksamkeit abzuholen.

Mit Unterrichtsbeginn um 8:30 gehen die Schüler in ihren Unterricht, der je nach Fach in Lerngruppen in unterschiedlicher Zusammensetzung bei den jeweiligen Fachlehrern stattfindet. Der Unterricht bei unterschiedlichen Fachlehrern, in unterschiedlichen Räumen und unterschiedlich zusammengesetzten Lerngruppen erfordert von den Schülern sich auf wechselnde soziale Anforderungen einzustellen, sich zu organisieren und mehr Verantwortung zu übernehmen. So bereiten sich die Schüler auf die Bedingungen und Anforderungen wie sie am Berufskolleg gestellt werden vor. Einzelne Schüler sind dabei auch in den Stufen Klasse 9/10 noch auf den intensiven persönlichen Kontakt zu einer Bezugsperson und intensive Unterstützung bei der Orientierung im Schulalltag angewiesen, um diesen erfolgreich zu bewältigen. Daher werden für diese Schüler individuelle Stundenpläne entwickelt, die eine möglichst hohe Unterrichtsfrequenz und häufigen Kontakt zu dieser Bezugsperson ermöglichen. Um allen Schülern bei den offeneren Strukturen mit mehr Selbstverantwortung den notwendigen Halt und Sicherheit zu geben, wird jedem Schüler ein Bezugslehrer zur Seite gestellt. Dieser ist Ansprechpartner für Schüler und Eltern bei persönlichen Belangen und akuten Krisen. Gleichzeitig koordiniert er die gemeinsame Förderplanung und führt regelmäßig mit den Schülern Feedback- und Entwicklungsgespräche.

Der Unterrichtsvormittag ist in zwei Blöcke aufgeteilt. Im ersten Block von 8.30 Uhr bis 10:30 Uhr werden die Schüler in zwei unterschiedlichen Fächern unterrichtet. In der ersten Stunde steht beispielsweise Deutsch Lerngruppe A, Englisch Lerngruppe B und Lerngruppe C sowie Mathematik Lerngruppe D auf dem Stundenplan. Diese Hauptfächer werden in vier möglichst heterogenen Kleingruppen in Unterrichtsstunden von fünfzig Minuten unterrichtet, um mit einem möglichst intensiven und differenzierten Angebot individuelle Lernfortschritte auf der fachlichen aber auch auf der kompetenzorientierten Ebene zu erzielen.

Zu Beginn jeder Unterrichtsstunde geben die Schüler ihre elektronischen Geräte ab. Für viele Schüler stellt dies eine große Herausforderung dar. Im Hinblick auf die Anforderung des Berufslebens ist es jedoch wichtig, dass sie lernen ihre persönlichen elektronischen Geräte abzuschalten beziehungsweise zeitweise darauf zu verzichten, sie bei sich zu tragen. Weiterhin geben die Schüler ihre Logbücher, die auch in der der Klasse 9/10 noch eine wichtige Rolle spielen beim Lehrer ab. Zum einen formulieren die Schüler zu Beginn der Woche ihre individuellen Wochenziele darin und reflektieren diese und ihr Arbeitsverhalten am Ende jeder Unterrichtsstunde gemeinsam mit dem jeweiligen Lehrer. Zum anderen wird es genutzt, um die aktuellen Hausaufgaben zu notieren und deren Erledigung festzuhalten. Weiterhin dient es auch dem Austausch zwischen Schule und Elternhaus beziehungsweise Wohngruppe.

Nach der ersten Stunde haben die Schüler in einer zehnminütigen Pause Zeit zu frühstücken. Gleichzeitig müssen sie ihre Materialien für den nächsten Unterricht bereitstellen und sich in den entsprechenden Unterrichtsraum begeben. In der folgenden Stunde steht dann möglicherweise Gesellschaftslehre und Naturwissenschaften auf dem Stundenplan. Dieser Unterricht findet in zwei jahrgangsübergreifenden Gruppen statt. Die einzelnen Themen werden im Rhythmus von vier Wochen epochal bearbeitet. Dieser Unterricht wird weitgehend als Werkstattunterricht durchgeführt. Es gibt Aufgabenstellungen die Pflicht sind und bearbeitet werden müssen. Des weiteren gibt es Aufgabenstellungen, die die Schüler nach individuellem Interesse auswählen. Dabei entscheiden sie sich selbständig für den Schwierigkeitsgrad der jeweiligen Aufgabe. Manche Aufgaben müssen im Team bearbeitet werden, bei anderen kann man einen Mitschüler um Unterstützung bitten. Für einige Aufgaben nutzen die Schüler selbstständig den Computer zur Recherche oder für die Erstellung von Arbeitsergebnissen. Ziel des Werkstattunterrichtes ist es, den Schüler im Hinblick auf seine Kompetenzen im Bereich des selbstständigen Arbeitsverhaltenes zu fördern. Dieser Unterricht wird im Teamteaching durchgeführt. Hierdurch ist es möglich, Schüler individuell zu unterstützten, Motivationsabbrüchen vorzubeugen und kooperative Prozesse zu begleiten sowie Krisenintervention zu ermöglichen.

Schüler, die mit großen Konzentrationsproblemen und motorischer Unruhe zu kämpfen haben, können sich für einen Arbeitsplatz in einer reizarmen Umgebung entscheiden oder während des Unterrichts Auszeitkarten einlösen. Wie viel Auszeitkarten einzelne Schüler erhalten, wann sie diese einlösen können und wo sie ihre Auszeiten verbringen, wird im Förderplangespräch mit den Bezugslehrern, Erziehungsberechtigten sowie dem einzelnen Schüler abgesprochen. Ziel ist es den Schüler in seiner Selbstwahrnehmung und –steuerung zu fördern. In regelmäßigen Feedbackgesprächen mit dem Bezugslehrer werden individuelle Absprachen und Vereinbarungen und Zielsetzungen reflektiert und gegebenenfalls verändert.

Am Ende des ersten Blocks können sich die Schüler in einer zwanzigminütigen Pause in der ‚Chillout – Zone‘ in der Halle erholen oder sich auf dem Schulhof beim Kickern, beim Basketballspielen und anderen Angeboten austoben und neue Energie tanken. Montags und mittwochs werden am selbstorganisierten Kiosk belegte Brötchen, Snacks aber auch Collegeblöcke, Stifte und ähnliches verkauft. Die Pausen werden von jeweils zwei Lehrern beaufsichtigt und begleitet. Diese intensive Pausenbegleitung dient dazu Kontakt zu den Schülern zu pflegen, einzelne Schüler in der sozialen Situation zu unterstützen sowie durch präventives Handeln Konflikte zu vermeiden oder in Krisen zeitnah einzugreifen.

Im zweiten Block steht dienstags für die Schüler der Gruppe D Wochenplan auf dem Stundenplan. Im Wochenplanunterricht arbeiten die Schüler an den Aufgaben ihres individuellen Wochenplans. Diese variieren je nach individuellen Lernbedürfnissen sowohl hinsichtlich der Anforderungen als auch des Umfangs und gegebenenfalls auch bezüglich der Inhalte. Dabei bestimmen die Schüler selber welche Aufgaben sie in welchem Tempo bearbeiten. Ziel ist es, dass die Schüler üben ihre Arbeit so zu organisieren, dass sie ihre Aufgaben bis zum Abgabetermin vollständig bearbeitet haben. Je nachdem wie erfolgreich die Schüler ihre Arbeit selber organisieren können, werden sie von den Lehrern mit individuellen Maßnahmen unterstützt Strategien zu entwickeln, um dem Ziel der selbständigen Bearbeitung näher zu kommen.

In Gruppe A wird gleichzeitig Arbeitslehre und in Gruppe C  Berufsvorbereitung unterrichtet. Ab der Vorabgangsklasse erweitert sich im Bereich Arbeitslehre/ Wirtschaft der Fächerkanon um die Berufsvorbereitung, die in Kleingruppen als eigenes Fach unterrichtet wird. Damit die ersten Berührungen mit der Berufswelt erfolgreich ablaufen, werden die Schüler praxisnah, intensiv und individuell vorbereitet und begleitet. Individuelle Anliegen zum Beispiel beim Finden eines Praktikumsplatzes oder Erstellen eines Bewerbungsschreibens können in der wöchentlich stattfinden Sprechstunde bei der Berufswahlkoordinatorin bearbeitet werden. Betriebspraktika werden sowohl mit den Neun- und Zehnklässlern durchgeführt. Die Schüler der Klasse 10 haben in der Regel in den zwei Wochen vor den Herbstferien Gelegenheit ein weiteres Berufsfeld näher zu erkunden und vielleicht Kontakt zu einem möglichen Ausbildungsplatz herzustellen. Die Schüler der Klasse 9 sammeln in einem dreiwöchigen Praktikum vor den Osterferien intensivere Erfahrungen in einem Beruf ihrer Wahl. Im Einzelfall können Schüler nach Absprache zusätzliche Praktika absolvieren oder nach dem Modell ‚Beruf und Schule‘ einen Teil ihres Schulbesuchs als wöchentlichen Praktikumstag in einem Betrieb durchführen. Einen weiteren Schwerpunkt des Faches Arbeitslehre bildet der Praxisunterricht in den Fächern Informationstechnologie, Textilgestaltung, Hauswirtschaft, Werken und Kunst, der einmal wöchentlich in Kleingruppen stattfindet. Dafür steht den Schülern an dem Tag der gesamte zweite Block zur Verfügung. Die Schüler haben so die Möglichkeit sich in unterschiedlichen Bereichen praktisch zu erproben. Dabei sammeln die Schüler im ersten Halbjahr in jedem Praxisfach Erfahrungen und wählen dann im zweiten Halbjahr nach individuellen Neigungen und Interessen ein Fach, in dem sie ihre Erfahrungen vertiefen. Dieser Block endet jeweils mit einem gemeinsamen Essen, bei dem die kulinarischen Ergebnisse der jeweiligen Hauswirtschaftsgruppe gekostet werden.

Zu bestimmten Zeiten stehen den Schülern am Standort Anekabel die Schulsozialpädagogen zur Verfügung. Einerseits können in dieser Zeit einzelne Schüler akute Probleme besprechen. Anderseits finden mit einigen Schülern regelmäßige Termine statt, an denen diese die Gelegenheit haben sich intensiver mit ihren persönlichen Themen auseinanderzusetzen. Dabei spielt der ‚Schulhund‘ Dimpel im Rahmen eines tiergestützten pädagogischen Ansatzes im Einzelfall eine entscheidende Rolle.

Während für die meisten Schüler der Unterricht montags um 13:00 Uhr endet, bleiben die Schüler der zehnten Klasse und die Schüler der neunten Klasse, die die Qualifizierung für den erweiterten Hauptschulabschluss anstreben, noch weitere zwei Unterrichtsstunden in der Schule. In dieser Zeit erhalten sie in weitgehend homogenen kleinen Lerngruppen eine zusätzliche Unterrichtseinheit in den Fächern Englisch und Mathematik. In diesen Stunden werden die für den Abschluss und die Qualifizierung relevanten Inhalte intensiv bearbeitet.

An einigen Tagen im Jahr verlassen die Schüler und Lehrer gemeinsam das Schulgebäude und besuchen ausgewählte außerschulische Lernorte wie die DASA (Deutsche Arbeitsschutz Ausstellung) in Dortmund, um unterschiedliche Anforderungen und Bedingungen von Arbeitsplätzen kennenzulernen und zu erproben oder um beispielsweise einen Kletterpark zu besuchen, wo die eigenen Grenzen ausgelotet werden können und die Schüler oftmals die Erfahrung machen, dass sie über sich selbst hinauswachsen.

 

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